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Glossar

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Pansexuell/
Pansexualität

Pansexualität bezeichnet eine sexuelle oder romantische Anziehung zu Menschen unabhängig von deren Geschlecht oder Geschlechtsidentität. Pansexuelle Personen können sich zu Frauen, Männern, nichtbinären, trans oder inter Menschen hingezogen fühlen, ohne dass das Geschlecht ausschlaggebend für diese Anziehung ist. Der Fokus liegt auf der Person selbst, nicht auf der geschlechtlichen Zugehörigkeit.

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Pansexualität unterscheidet sich von anderen sexuellen Orientierungen nicht durch die Intensität, sondern durch die Offenheit gegenüber geschlechtlicher Vielfalt. Sie wird oft mit Bisexualität verwechselt oder gleichgesetzt, wobei viele pansexuelle Menschen betonen, dass ihre Orientierung bewusst keine Zweigeschlechterordnung voraussetzt.

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In gesellschaftlichen Debatten wird Pansexualität häufig übersehen oder missverstanden. Klischees reichen von der Annahme, pansexuelle Menschen seien wahllos, bis hin zur Unsichtbarmachung in queeren Räumen. Auch innerhalb der LGBTQIA Bewegung erfahren pansexuelle Personen teils Abwertung oder Infragestellung.

Partizipation

Partizipation bezeichnet die aktive Beteiligung von Menschen an gesellschaftlichen Prozessen, Entscheidungen und Strukturen. Sie kann sich in ganz unterschiedlichen Bereichen zeigen, etwa im politischen Raum durch Wahlen, Bürgerforen oder Mitgliedschaften in Gremien, aber auch im sozialen oder kulturellen Kontext durch Engagement in Nachbarschaftsgruppen, Protestaktionen, künstlerische Initiativen oder digitale Kampagnen. Partizipation wird häufig als demokratisches Ideal verstanden, das Mitgestaltung ermöglicht, Verantwortung stärkt und kollektive Aushandlungsprozesse unterstützt.

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In der Praxis ist Beteiligung jedoch an zahlreiche Voraussetzungen gebunden. Sie erfordert Zugang zu Informationen, zeitliche Ressourcen, ein gewisses Maß an institutionellem Vertrauen sowie Räume, in denen Menschen ihre Erfahrungen artikulieren können, ohne sanktioniert zu werden. Wer diese Voraussetzungen nicht erfüllt, bleibt oft außen vor. Marginalisierte Gruppen wie queere Menschen, Personen mit Rassismuserfahrung, Menschen mit Behinderung oder Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus sind von vielen Beteiligungsprozessen systematisch ausgeschlossen. Oft sind die Formate nicht barrierefrei, verwenden eine Sprache, die ausschließt, oder sind an Bedingungen geknüpft, die soziale Ungleichheit reproduzieren. Eine offene Sitzung in der Verwaltung mit komplizierter Tagesordnung mag formal zugänglich sein, wirkt aber faktisch ausschließend, wenn Menschen sich nicht sicher fühlen oder nicht die richtigen Worte finden, um ihre Perspektiven einzubringen.

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Awareness-Arbeit setzt an dieser Stelle an. Sie fragt danach, wer warum nicht teilnimmt und welche strukturellen Hürden eine echte Mitgestaltung verhindern. Es reicht nicht, Beteiligung anzubieten, wenn die Bedingungen von Anfang an ungleich sind. Es braucht Räume, in denen Vertrauen entstehen kann, Diskriminierungserfahrungen ernst genommen werden und in denen Macht nicht einfach verwaltet, sondern hinterfragt und umverteilt wird. Teilhabe darf nicht mit bloßer Anwesenheit verwechselt werden. Eine einzelne Person aus einer marginalisierten Gruppe in einem Gremium ersetzt keine strukturelle Beteiligung. Partizipation bedeutet, Menschen nicht nur einzuladen, sondern ihnen auch reale Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten zu geben.

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Partizipation ist kein Zustand, den man erreicht und dann abhaken kann. Sie ist ein dynamischer Prozess, der Reflexion, Umverteilung und konkrete Veränderungen erfordert – besonders dort, wo Menschen bisher systematisch übergangen wurden.

Past-in-present-Rassismus

Past in present Rassismus bezeichnet die Fortwirkung historischer rassistischer Ungleichheit in die Gegenwart. Auch wenn bestimmte Gesetze, koloniale Ordnungen oder offene Formen der Diskriminierung formal abgeschafft wurden, wirken ihre Folgen bis heute weiter. Die strukturellen Bedingungen, die durch Versklavung, Kolonialismus, Segregation oder rassistische Gesetzgebung geschaffen wurden, verschwinden nicht mit deren rechtlicher Aufhebung. Sie sind in Institutionen eingeschrieben, zeigen sich in ökonomischen Ungleichheiten, im Zugang zu Bildung, im Wohnungsmarkt, in der Gesundheitsversorgung und im Strafvollzug.

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Past in present Rassismus macht deutlich, dass Rassismus nicht nur ein individuelles Vorurteil oder ein aktuelles Fehlverhalten ist, sondern tief in gesellschaftlichen Strukturen verankert liegt. Soziale Positionen, ungleiche Ressourcenverteilung und ungleiche Lebenschancen sind oft direkte oder indirekte Folgen historischer Machtverhältnisse. Wer heute diskriminiert wird, erlebt diese Benachteiligung oft im Schatten einer Vergangenheit, die nie wirklich aufgearbeitet oder materiell ausgeglichen wurde.

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Bei der Entwicklung sensibler Organisationskultur ist das Konzept von Bedeutung, weil es hilft, Rassismus nicht als Ausnahme oder Einzelfall zu begreifen, sondern als Kontinuität. Es fordert dazu auf, nicht nur aktuelle Diskriminierung sichtbar zu machen, sondern auch die historischen Bedingungen mitzudenken, die zur Normalisierung und Reproduktion dieser Ungleichheiten beigetragen haben. Das betrifft nicht nur Gesetze, sondern auch Erzählungen, Selbstbilder, institutionelle Routinen und gesellschaftliche Deutungsmuster.

Patriarchat

Das Patriarchat ist ein gesellschaftliches System, das auf der Vorrangstellung von Männern beruht und andere Geschlechter systematisch benachteiligt. Der Begriff geht auf das griechische patriarchÄ“s zurück, was so viel bedeutet wie „Herrschaft des Vaters“. Er ist sprachlich verwandt mit dem lateinischen pater für Vater und verweist ursprünglich auf familiäre Strukturen, in denen der Vater als Oberhaupt galt. In der feministischen Theorie wurde der Begriff später ausgeweitet, um ein umfassendes System männlicher Dominanz zu beschreiben, das weit über familiäre Kontexte hinausgeht.

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Das Patriarchat durchzieht gesellschaftliche Strukturen, Institutionen und Normen in Politik, Wirtschaft, Recht, Medien, Bildung und Familie. Es äußert sich in der ungleichen Verteilung von Macht, Ressourcen und Einfluss entlang der Geschlechterordnung. Dabei profitieren insbesondere cis Männer, während Frauen, trans, inter und nichtbinäre Personen häufiger mit Ausschluss, Abwertung oder Gewalt konfrontiert sind. Sichtbar wird das unter anderem in Lohnunterschieden, in der Verteilung unbezahlter Sorgearbeit, in der Unterrepräsentation marginalisierter Geschlechter in Führungspositionen oder im eingeschränkten Zugang zu körperlicher Selbstbestimmung.

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Patriarchale Strukturen sind mit anderen Herrschaftsverhältnissen eng verwoben. In Kombination mit Rassismus, Klassismus, Ableismus oder Queerfeindlichkeit entstehen komplexe Formen von Diskriminierung, die je nach sozialer Position unterschiedlich wirken. So sind beispielsweise Schwarze Frauen oder trans Personen nicht auf dieselbe Weise betroffen wie weiße Frauen oder cis Männer aus prekären Verhältnissen.

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Feministische und queere Bewegungen analysieren, kritisieren und bekämpfen patriarchale Machtverhältnisse seit Jahrzehnten. Sie fordern nicht nur rechtliche Gleichstellung, sondern auch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen, die auf gerechte Machtverhältnisse, Selbstbestimmung und Anerkennung aller Geschlechter zielen.

People of Color
POC

People of Color, abgekürzt PoC, ist eine politische Selbstbezeichnung für Menschen, die in einer weißen Mehrheitsgesellschaft rassifiziert werden und Rassismuserfahrungen machen. Der Begriff stammt ursprünglich aus den USA und wurde in den 1960er Jahren im Kontext der Bürgerrechtsbewegung als solidarische Gegenposition zur abwertenden Fremdbezeichnung „colored“ etabliert. Er betont nicht biologische Merkmale, sondern gesellschaftliche Machtverhältnisse und verweist auf geteilte Erfahrungen von Ausgrenzung, Diskriminierung und strukturellem Ausschluss.

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In den letzten Jahrzehnten hat sich der Begriff auch im deutschsprachigen Raum verbreitet. Dort wird er vor allem von Menschen verwendet, die sich in ihrer alltäglichen Realität als nicht zugehörig erleben – unabhängig davon, ob sie selbst oder ihre Familien eingewandert sind. Dabei geht es nicht um Hautfarbe im engeren Sinn, sondern um soziale Markierungen, Fremdzuschreibungen und den Umgang mit diesen. Auch Menschen, die überwiegend als weiß gelesen werden, etwa viele Deutsche mit türkischer oder arabischer Familiengeschichte, verwenden die Bezeichnung People of Color, wenn sie aufgrund ihres Namens, ihrer Religion oder kulturellen Zugehörigkeit rassistische Behandlung erfahren.

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People of Color ist kein einheitlicher Identitätsbegriff, sondern eine kollektive politische Positionierung gegen rassistische Strukturen. Er wird bewusst genutzt, um sich von Begriffen wie „Migrationshintergrund“ oder „Ausländer“ abzugrenzen, die den Fokus auf Herkunft oder Staatsangehörigkeit legen, aber nicht erklären, warum Menschen ausgeschlossen oder abgewertet werden. Während viele Menschen mit Migrationshintergrund keine Rassismuserfahrungen machen, erleben andere systematische Ausgrenzung, obwohl sie statistisch als deutsch gelten. In diesem Sinn verweist der Begriff People of Color auf ein strukturelles Problem, nicht auf individuelle Identitäten.

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Die Rassismuserfahrungen von Menschen, die sich als People of Color bezeichnen, sind sehr unterschiedlich. Daher wird der Begriff häufig in Verbindung mit weiteren Selbstbezeichnungen verwendet, etwa Schwarz für Menschen afrikanischer Herkunft oder Romnja und Roma für Angehörige der Roma Community. Auch die Kürzel BPoC und BiPoC werden verwendet, um Schwarze und indigene Menschen explizit einzubeziehen.

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Im deutschsprachigen Raum gibt es keine neutrale oder anerkannt nichtdiskriminierende Übersetzung für People of Color. Die meisten Begriffe mit ähnlicher Bedeutung sind historisch belastet oder stammen aus kolonialem Vokabular. Aus diesem Grund bleibt die englische Bezeichnung auch im Deutschen in Verwendung. Der Begriff PoC funktioniert dabei nicht als Beschreibung einer Hautfarbe, sondern als Analyseinstrument, das gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar macht. Er verweist auf die Wirkweise von Rassismus als Struktur, nicht als persönliche Meinung.

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Aus machtkritischer Perspektive ist die Verwendung des Begriffs ein wichtiger Schritt zur Sichtbarmachung von Ungleichheit. Gleichzeitig bleibt sie kontextabhängig: Nicht alle Menschen mit Rassismuserfahrung verwenden diese Bezeichnung, und nicht alle marginalisierten Communities fühlen sich davon repräsentiert. Die Diskussion über Sprache, politische Selbstverortung und Zugehörigkeit bleibt deshalb ein lebendiger und notwendiger Teil antirassistischer Auseinandersetzung.

Pinkwashing

Pinkwashing bezeichnet die Strategie, sich durch sichtbare Unterstützung von LGBTQ+-Rechten ein modernes, offenes Image zu geben – während gleichzeitig diskriminierende oder unterdrückerische Strukturen bestehen bleiben. Der Begriff kritisiert Akteure wie Unternehmen, Institutionen oder Staaten, die queere Symbolik gezielt nutzen, um von anderen Menschenrechtsverletzungen oder Ungleichbehandlungen abzulenken.

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Besonders problematisch wird Pinkwashing, wenn Pride-Logos, Regenbogenflaggen oder queere Repräsentation eingesetzt werden, um den Blick von Gewalt, Ausschlüssen oder autoritärer Politik wegzulenken. Dabei werden queere Identitäten nicht geschützt, sondern funktionalisiert – meist ohne die betroffenen Gruppen einzubeziehen. Diese Form der Instrumentalisierung steht im Kontrast zu echter Solidarität.

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Auch in der Wirtschaft ist Pinkwashing weit verbreitet: Viele Konzerne werben im Pride-Monat mit queerer Sichtbarkeit, während sie gleichzeitig in Ländern aktiv sind, in denen LGBTQ+-Personen verfolgt werden – oder keine Schutzmaßnahmen für queere Mitarbeitende im eigenen Haus umgesetzt haben. Die queerfreundliche Außendarstellung dient in solchen Fällen eher dem Image als dem Engagement.

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Pinkwashing ist somit Teil einer größeren Problematik, in der soziale Bewegungen entpolitisiert und zur Markenästhetik umfunktioniert werden – ähnlich wie beim Greenwashing (Umweltbewusstsein) oder Woke-Washing (Diversität). Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen Sichtbarkeit oder Pride an sich, sondern gegen die kalkulierte Nutzung queerer Zeichen ohne strukturelle Konsequenz.

Porajmos

Porajmos ist eine Bezeichnung für den nationalsozialistischen Völkermord an Sinti und Roma in Europa zwischen 1933 und 1945. Das Wort stammt aus dem Romanes, der Sprache vieler Angehöriger dieser Minderheiten, und bedeutet so viel wie „das Verschlingen“ oder „die Zerstörung“.

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Achtung! In einigen Dialekten des Romanes hat der Begriff jedoch auch eine sexuelle Konnotation, die als vulgär oder anstößig empfunden wird, weshalb er von vielen Sinti und Roma abgelehnt wird. 

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Porajmos verweist auf die systematische Verfolgung, Entrechtung, Deportation und Ermordung von bis zu 500.000 Sinti und Roma durch das NS-Regime und seine Verbündeten. Die genaue Zahl der Opfer lässt sich bis heute nicht eindeutig beziffern, da viele Betroffene nicht offiziell registriert waren und ihre Verfolgung in zahlreichen Ländern dezentral organisiert wurde.

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In der nationalsozialistischen Rassenideologie galten Sinti und Roma neben jüdischen Menschen als besonders gefährdet. Sie wurden als „minderwertig“ klassifiziert, kriminalisiert und als Bedrohung für die sogenannte „Volksgemeinschaft“ dargestellt.​

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Der Völkermord an ihnen verlief parallel zur Shoa, wurde jedoch lange nicht in gleichem Maße historisch anerkannt. Erst im Jahr 1982 erkannte die deutsche Bundesregierung den Genozid offiziell an. Zuvor hatten Bürgerrechtsorganisationen der Sinti und Roma jahrzehntelang um diese Anerkennung gekämpft.

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Ein zentrales Ereignis war der sogenannte „Auschwitz-Erlass“ vom 16. Dezember 1942, in dessen Folge zehntausende Menschen nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. In der dort errichteten Lagererweiterung, die speziell für Sinti und Roma vorgesehen war, wurden allein im August 1944 rund 4.300 Menschen in einer einzigen Nacht ermordet. Von den rund 30.000 in Deutschland lebenden Sinti und Roma wurden mehr als die Hälfte ermordet, ganze Familien ausgelöscht. Auch andere Gruppen wie die Manusch, Lowara, Lalleri oder Jenischen wurden unter der rassistischen Kategorie „Zi-Wort“ verfolgt und ermordet.

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Neben Porajmos existieren weitere Bezeichnungen für diesen Völkermord, etwa Samudaripen, was im Romanes „Massenmord“ bedeutet, oder Kali Traš, was übersetzt „schwarze Angst“ heißt. Nicht alle Roma Communities verwenden den Begriff Porajmos, zum Teil aus sprachlichen, zum Teil aus politischen Gründen. Dennoch hat sich Porajmos in vielen Zusammenhängen als Begriff für die spezifische rassistische Verfolgung und Vernichtung der europäischen Roma und Sinti etabliert, analog zur Verwendung des Begriffs Shoa für den Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden.

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Die Erinnerung an den Porajmos bleibt eine zentrale Aufgabe politischer Bildungsarbeit, denn rassistische Vorurteile gegenüber Sinti und Roma sind in Europa weiterhin weit verbreitet.

Postkolonialismus

Postkolonialismus ist eine kritische Perspektive, die sich mit den fortdauernden Folgen des Kolonialismus in der Gegenwart befasst. Im Zentrum steht die Analyse, wie koloniale Herrschaftsverhältnisse weiterhin Strukturen prägen, zum Beispiel in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Sprache. Dabei geht es nicht nur um ehemalige Kolonien, sondern auch um die Rolle der europäischen Gesellschaften, die Kolonialismus ermöglicht, abgesichert und legitimiert haben.

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Postkoloniales Denken fragt, wessen Geschichte anerkannt wird, welches Wissen als gültig gilt und welche kulturellen Praktiken abgewertet oder exotisiert werden. Es macht sichtbar, dass viele Kategorien, mit denen über Entwicklung, Fortschritt, Identität oder Zivilisation gesprochen wird, in kolonialen Kontexten entstanden sind und bis heute wirksam bleiben. Zentral ist der Begriff Dekolonisierung. Er meint nicht nur politische Unabhängigkeit, sondern die bewusste Auseinandersetzung mit kolonial geprägten Denkweisen, Institutionen und Machtverhältnissen. Dekolonisierung fordert Veränderungen in Bildung, Forschung, Kultur und Gesellschaft, um bestehende Ungleichheiten nicht zu verwalten, sondern zu hinterfragen und zu verändern.

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Postkolonialismus ist kein geschlossenes Theoriegebäude, sondern ein vielfältiges Feld mit unterschiedlichen Stimmen, regionalen Schwerpunkten und politischen Zielsetzungen. Er bietet kein fertiges Lösungsmodell, sondern eine Aufforderung zur kritischen Selbstprüfung und zur Analyse von Macht, auch dort, wo sie sich hinter neutraler Sprache oder guter Absicht verbirgt.

Postmigrantisch

Postmigrantisch beschreibt eine gesellschaftliche Perspektive, die Migration nicht als Ausnahme oder Problem begreift, sondern als Normalität und konstitutives Element der Gegenwart. Der Begriff steht für eine Verschiebung des Blicks: Weg von der Vorstellung, dass es eine homogene „Mehrheitsgesellschaft“ gibt, in die sich „Migrant:innen“ integrieren müssten, hin zu der Einsicht, dass wir längst in einer Gesellschaft leben, die durch Migration, Rassismus, Widerstand und plurale Lebensrealitäten geprägt ist.

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Ursprünglich wurde der Begriff aus der Kritik an bestehenden Integrationsdiskursen heraus entwickelt, unter anderem durch das postmigrantische Theater am Ballhaus Naunynstraße in Berlin und durch wissenschaftliche Arbeiten wie die von Naika Foroutan. Postmigrantisch zu denken bedeutet, die Migrationsfrage nicht als Frage über andere zu behandeln, sondern als Frage über die demokratische Verfasstheit der Gesamtgesellschaft, über Zugehörigkeit, Macht, Erinnerung, Sprache und Sichtbarkeit.

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In einem postmigrantischen Denken geht es nicht um Herkunft, sondern um Gerechtigkeit. Nicht um Anpassung, sondern um Teilhabe. Nicht um Defizite, sondern um Strukturen. Besonders in der Bildungs-, Kultur- und Organisationsarbeit fordert die postmigrantische Perspektive, den Fokus von der Diversifizierung einzelner Gruppen hin zur radikalen Überprüfung der Institution selbst zu verschieben: Wer wird wie repräsentiert? Wessen Geschichten gelten als relevant? Wer darf mitgestalten, und unter welchen Bedingungen?

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Postmigrantisch ist damit kein identitärer Begriff, sondern ein macht- und gesellschaftskritischer. Er benennt, dass Rassismus, Klassismus, Antisemitismus und andere Formen der Ausgrenzung nicht überwunden sind, sondern unser Zusammenleben weiterhin strukturieren, und dass es aktiver politischer, institutioneller und kultureller Anstrengung bedarf, diese Verhältnisse zu verändern. Auch deshalb ist postmigrantisch keine abgeschlossene Epoche, sondern ein produktives Spannungsverhältnis zwischen Geschichte und Gegenwart, Verletzung und Widerstand, Ausschluss und Neuanfang.

Powersharing

Powersharing bezeichnet das bewusste Teilen von Macht, Ressourcen und Entscheidungsspielräumen mit dem Ziel, bestehende Ungleichheiten abzubauen und gerechtere Strukturen zu schaffen. Es geht nicht nur darum, anderen symbolisch Raum zu geben, sondern Verantwortung, Einfluss und Gestaltungsmöglichkeiten tatsächlich neu zu verteilen. Dieser Ansatz stellt herkömmliche Hierarchien infrage und erkennt an, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse historisch gewachsen und ungleich verteilt sind.

 

Im Zentrum steht die Frage, wer mitentscheiden darf, wer Zugang zu Informationen hat, wessen Perspektiven gehört und wessen Erfahrungen anerkannt werden.  Powersharing zielt darauf, marginalisierte Gruppen strukturell zu stärken, anstatt sie lediglich zu beteiligen. Es verlangt, Macht nicht nur kritisch zu reflektieren, sondern sie aktiv zu verschieben – etwa in Gremien, Leitungsebenen, Auswahlprozessen oder der Ressourcenverteilung.​

 

Powersharing ist ein zentraler Bestandteil diskriminierungskritischer Veränderungsprozesse. Besonders in rassismuskritischer, queerer oder intersektionaler Praxis bildet es eine Grundlage für nachhaltige Transformation. Dabei geht es nicht um den moralischen Verzicht Einzelner, sondern um kollektive Verantwortung für die Gestaltung gerechterer Institutionen und Beziehungen.

Privilegien

Privilegien sind Vorteile, die Menschen nicht durch individuelle Leistung, sondern durch ihre Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlich begünstigten Gruppe erhalten. Sie beruhen auf historischen und sozialen Machtverhältnissen, die bestimmte Merkmale wie Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, soziale Klasse, Religion oder sexuelle Orientierung höher bewerten als andere. Privilegien wirken oft unbewusst, weil sie für diejenigen, die davon profitieren, als selbstverständlich oder normal erscheinen. Gleichzeitig führen sie dazu, dass andere systematisch benachteiligt, ausgeschlossen oder abgewertet werden. Privilegien zeigen sich nicht nur in offensichtlichen Vorteilen, sondern auch in der Abwesenheit von Nachteilen.

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Wer nicht aufgrund seines Namens abgewertet wird, sich sicher im öffentlichen Raum bewegen kann oder bei Bewerbungen nicht unterrepräsentiert ist, erlebt Privilegien, auch wenn sie nicht als solche wahrgenommen werden. Diese Strukturen wirken im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt, im Gesundheitswesen, im Rechtssystem und im Alltag. Die Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien ist keine Schuldfrage, sondern eine Frage der Verantwortung. Es geht darum zu erkennen, welche Rolle man innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse einnimmt, welche Türen offen stehen und wem sie systematisch verschlossen bleiben. Die Reflexion über Privilegien ist ein zentraler Schritt, um Diskriminierung abzubauen, Allianzen zu bilden und gerechtere Verhältnisse zu gestalten.

Propaganda

Propaganda bezeichnet die systematische Verbreitung von Informationen mit dem Ziel, die Wahrnehmung, das Denken oder das Verhalten von Menschen gezielt zu beeinflussen. Sie zielt nicht auf ausgewogene Aufklärung, sondern verfolgt eine bestimmte politische, ideologische oder wirtschaftliche Absicht. Propaganda kann auf Tatsachen beruhen, diese aber einseitig darstellen, verzerren oder in einen emotionalisierenden Rahmen setzen. Sie arbeitet häufig mit Wiederholungen, Vereinfachungen, Feindbildern und emotionalen Appellen, um Zustimmung zu erzeugen oder Widerstand zu unterdrücken.

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Historisch wurde der Begriff unter anderem im Kontext autoritärer Regime geprägt, etwa in der national-sozialistischen oder sowjetischen Staatspropaganda. Heute findet Propaganda auch in demokratischen Gesellschaften statt, zum Beispiel über Massenmedien, soziale Netzwerke oder durch gezielte Kampagnen von Interessengruppen. Dabei ist die Grenze zwischen Meinungsäußerung, politischer Kommunikation und Propaganda oft schwer zu erkennen.​

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Propaganda wird dort besonders wirksam, wo Vertrauen in unabhängige Informationen geschwächt ist oder wo Menschen keinen Zugang zu unterschiedlichen Perspektiven haben. Deshalb ist medienkritisches Denken eine zentrale Voraussetzung für demokratische Teilhabe und Widerstandsfähigkeit gegen gezielte Manipulation.

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