Glossar
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Tokenismus
Tokenismus bezeichnet die symbolische oder alibihafte Einbindung einzelner Personen aus marginalisierten Gruppen. Das kann zum Beispiel eine Schwarze Frau in einem Projektteam sein, eine queere Person auf einem Veranstaltungsplakat oder eine jüdische Stimme in einer Diversitätsdiskussion – jeweils ohne echte Mitsprache, strukturelle Veränderung oder gerechte Verteilung von Macht.
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Oft dient Tokenismus dazu, nach außen Vielfalt zu signalisieren, ohne sich im Inneren verändern zu müssen. Kritik wird abgeschwächt, Erwartungen werden bedient. Gleichzeitig fühlen sich die eingebundenen Personen häufig isoliert, überfordert oder instrumentalisiert. Ihre Stimmen werden zwar angefragt, aber nicht ernsthaft berücksichtigt. Ihre Präsenz soll ausreichen – doch ihre Perspektiven bleiben folgenlos.
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Besonders häufig tritt Tokenismus auf, wenn einzelne Identitäten stellvertretend für ganze Gruppen sprechen sollen. Eine jüdische Person soll dann für "die jüdische Perspektive" stehen, eine junge Person für "die Jugend", eine ältere für "Generationenvielfalt". Doch ihre Lebensrealitäten werden nicht differenziert wahrgenommen oder dauerhaft eingebunden.
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Tokenismus ist keine echte Repräsentation. Es ist ein Feigenblatt, das Vielfalt darstellt, ohne sie umzusetzen. Wirkliche Inklusion bedeutet, Strukturen zu öffnen, Verantwortung zu teilen und nicht nur Menschen sichtbar zu machen, sondern sie verbindlich einzubeziehen.
Toleranz
Toleranz bedeutet, Unterschiede in Meinungen, Überzeugungen, Lebensweisen oder Identitäten auszuhalten – auch dann, wenn man ihnen kritisch oder ablehnend gegenübersteht. Oft wird Toleranz als Zeichen von Offenheit verstanden. Doch gerade im Kontext von Diskriminierung stößt der Begriff an Grenzen – und wird zunehmend hinterfragt.
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Denn Toleranz heißt wörtlich: ertragen, dulden. Wer toleriert, entscheidet, was gerade noch „auszuhalten“ ist – und behält damit eine Machtposition. Toleriert wird oft das, was von der Norm abweicht. Das Problem: Wer duldet, muss nicht zuhören, nicht lernen, nicht sich verändern. Es bleibt ein Ungleichgewicht – zwischen denen, die als „normal“ gelten, und denen, die „toleriert“ werden.
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In Fragen von Vielfalt, Gleichberechtigung oder Menschenrechten reicht Toleranz deshalb nicht aus. Was es braucht, ist Anerkennung: die Einsicht, dass Menschen nicht trotz ihrer Unterschiede gleich viel wert sind – sondern gerade mit ihnen. Akzeptanz geht einen Schritt weiter: Sie bedeutet, die Existenz und Würde anderer Menschen nicht nur zu dulden, sondern anzuerkennen, zu respektieren und zu schützen.
Tone Policing
Tone Policing bezeichnet die Strategie, den Fokus in einer Diskussion weg vom Inhalt und hin zum Tonfall, zur Wortwahl oder zur emotionalen Ausdrucksweise einer Person zu lenken – oft mit dem Ziel, ihre Kritik abzuwerten oder sie zum Schweigen zu bringen.
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Typische Sätze lauten:
„Wenn du ruhiger wärst, könnte man mit dir reden.“
„So wie du dich ausdrückst, erreichst du sowieso niemanden.“
„Das ist mir zu aggressiv – in dem Ton nicht.“
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Was wie ein Appell an Höflichkeit oder Sachlichkeit klingt, ist in diskriminierungskritischen Kontexten oft ein Machtmittel: Denn Tone Policing verschiebt das Gespräch vom Thema (z. B. Rassismus, Sexismus, Transfeindlichkeit) hin zur vermeintlich „falschen“ Art, es anzusprechen – und entzieht Betroffenen damit die Legitimität ihrer Wut, Verletzung oder Vehemenz.
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Tone Policing trifft besonders häufig Personen, die ohnehin marginalisiert sind: Schwarze Menschen, Frauen, queere Personen, Menschen mit Behinderung oder solche, die Diskriminierung öffentlich benennen. Ihre Stimme wird nicht als Inhalt, sondern als Problem behandelt – zu emotional, zu wütend, zu „nicht konstruktiv“.
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Awareness bedeutet hier: Emotionen als Teil politischer Realität anzuerkennen. Wut ist kein Stilproblem, sondern oft eine Folge struktureller Verletzung. Es geht nicht darum, Diskussionen zu „beruhigen“, sondern darum, Räume zu schaffen, in denen echte Betroffenheit sprechen darf – auch laut, traurig, wütend oder scharf.
Trans*
Trans* bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht (oder nicht vollständig) mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Es handelt sich um einen Sammel- und Selbstbegriff, unter dem viele unterschiedliche Identitäten sichtbar werden – zum Beispiel Transfrauen, Transmänner, nicht-binäre, agender oder genderfluide Personen.
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Das Sternchen (*) steht für die Vielfalt innerhalb der trans Community*. Es macht deutlich, dass geschlechtliche Identität jenseits der zweigeschlechtlichen Ordnung existiert – und dass diese Vielfalt Ausdruck von gelebtem Sein ist, nicht von Abweichung. Trans* ist keine einheitliche Erfahrung, sondern ein Feld von vielen Möglichkeiten, Geschlecht zu leben und zu bezeichnen.
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Im Zentrum steht das Recht auf Selbstdefinition. Ob jemand medizinische Maßnahmen ergreift, den Vornamen ändert oder nicht – trans* zu sein bedeutet nicht, sich erklären oder beweisen zu müssen. Dass der Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen in vielen Ländern noch immer an medizinische Diagnosen oder Gutachten geknüpft ist, zeigt weniger etwas über trans* Personen – und mehr über die bestehenden Machtverhältnisse.
Trans*feindlichkeit
Trans*feindlichkeit beschreibt die systematische Abwertung, Ausgrenzung und Diskriminierung von trans*, nicht-binären und gendernonkonformen Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder ihres Geschlechtsausdrucks. Sie zeigt sich in abwertender Sprache, Unsichtbarmachung, physischer oder psychischer Gewalt, im Zugang zu Gesundheitsversorgung, im Rechtssystem – oder einfach darin, dass Menschen in ihrer Identität nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht werden.
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Im Unterschied zum Begriff „Transphobie“, der oft eine individuelle, gefühlsbasierte Abwehrreaktion („Angst“) nahelegt, rückt Transfeindlichkeit* die strukturelle und gesellschaftliche Dimension in den Fokus: Es geht nicht um persönliche Aversionen, sondern um soziale Machtverhältnisse, die bestimmen, wer als „normal“, „natürlich“ oder „richtig“ gilt – und wer nicht.
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Trans*feindlichkeit ist kein Randphänomen. Sie kann von Institutionen ausgehen, in Medienbildern auftauchen oder auch innerhalb von Communities reproduziert werden, die selbst Ausgrenzung erfahren. Das macht sie so wirkmächtig – und so schwer greifbar.
Der Abbau von Transfeindlichkeit* erfordert mehr als Toleranz: Er braucht aktive Solidarität, Wissen über geschlechtliche Vielfalt, Räume für Selbstvertretung und klare Haltung – im Alltag, in der Sprache, in Strukturen.
Transgender/
Transsein
Transgender ist ein Begriff, der ursprünglich aus dem englischsprachigen Raum stammt und oft als Synonym zu trans, transgeschlechtlich* oder Transsein verwendet wird. Er bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht (oder nicht vollständig) mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Dabei liegt der Fokus auf Selbstdefinition und Selbstbestimmung – also dem Recht, das eigene Geschlecht unabhängig von äußeren Zuschreibungen zu benennen und zu leben.
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Transsein ist im deutschsprachigen Raum eine weiter verbreitete, oft aktivistisch geprägte Selbstbezeichnung. Sie wird teils als offener, zugänglicher oder weniger medizinisch verstanden als „transident“ oder „transsexuell“ – Begriffe, die historisch stark von Psychiatrie und Behörden geprägt wurden.
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Zwar werden Transgender, Transsein und trans häufig synonym gebraucht, doch sie tragen unterschiedliche Konnotationen, je nach Generation, politischem Kontext und Sprache. Während „Transgender“ insbesondere in internationalen Kontexten (z. B. UN, NGO-Arbeit) verwendet wird, betonen viele im deutschsprachigen Raum mit „trans*“ oder „Transsein“ explizit die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten und die Abgrenzung von pathologisierenden Sichtweisen.
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Wichtig ist: Menschen entscheiden selbst, welche Begriffe sie für sich verwenden – oder eben ablehnen. Eine respektvolle Praxis bedeutet, diese Selbstbezeichnungen anzuerkennen, ohne sie zu korrigieren oder zu vereinheitlichen.
Transition
Transition beschreibt den individuellen Prozess, in dem eine trans*, nicht-binäre oder gendernonkonforme Person Entscheidungen trifft, um im eigenen Geschlecht zu leben – auf eine Weise, die sich für sie selbst stimmig und richtig anfühlt.
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Transitionen können vielfältig sein: Manche Menschen ändern ihren Namen oder ihre Pronomen. Andere passen Kleidung oder Aussehen an. Einige entscheiden sich für medizinische oder rechtliche Schritte – viele nicht. All das ist Teil einer Transition – oder eben nicht. Es gibt kein festes Set an Erwartungen, das erfüllt sein muss.
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Manche sprechen von sozialer Transition (z. B. Coming-out, Änderung von Sprache, Auftreten), rechtlicher Transition(z. B. Personenstandsänderung) oder medizinischer Transition (z. B. Hormonbehandlung, Operationen). Diese Begriffe können helfen, bestimmte Aspekte zu benennen – aber sie dürfen nicht zur Checkliste oder zur Voraussetzung für Anerkennung werden.
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Transition bedeutet nicht: sich anpassen. Sie bedeutet: sich selbst zu leben – mit oder ohne Zustimmung der Umwelt. Der Wunsch nach medizinischer oder rechtlicher Unterstützung ist berechtigt, aber nicht verpflichtend. Entscheidend ist nicht, was getan wird – sondern, dass die Entscheidung bei der betroffenen Person selbst liegt.
Transphobie
Transphobie bezeichnet die Ablehnung, Abwertung oder Feindseligkeit gegenüber trans*, nicht-binären und gendernonkonformen Menschen. Sie äußert sich in vielen Formen – von Spott, Misgendern und Unsichtbarmachen bis hin zu struktureller Diskriminierung, Ausschluss, Gewalt oder politischer Hetze.
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Trotz des Begriffsbestandteils „-phobie“ geht es nicht um Angst, sondern um soziale und kulturelle Mechanismen, die trans* Personen abwerten, delegitimieren oder unsichtbar machen. Transphobie kann bewusst oder unbewusst wirken – und sie kann auch von Menschen ausgehen, die selbst marginalisiert sind, etwa schwulen Männern oder lesbischen Frauen. Deshalb ist es wichtig, auch innerhalb queerer Räume kritisch mit transfeindlichen Einstellungen umzugehen.
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Im Kern verletzt Transphobie das Recht auf Selbstbestimmung. Sie stellt die Identität von Menschen in Frage – oft mit dem Anspruch, wer „wirklich“ Mann oder Frau sei. Awareness-Arbeit bedeutet hier, Räume zu schaffen, in denen geschlechtliche Vielfalt respektiert wird – ohne Prüffragen, Misstrauen oder Zwang zum Erklären.
Trauma
Trauma bezeichnet eine seelische Verletzung, die entsteht, wenn ein Mensch eine Erfahrung macht, die als überwältigend, bedrohlich oder zutiefst verunsichernd erlebt wird. Solche Erlebnisse können plötzlich auftreten – etwa bei Gewalt, Unfällen oder Flucht – oder sich schleichend aufbauen, zum Beispiel durch anhaltende Ausgrenzung, Abwertung oder Diskriminierung.
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Traumatische Erfahrungen beeinflussen nicht nur das persönliche Wohlbefinden, sondern oft auch das Vertrauen in andere, in Institutionen oder in die eigene Sicherheit. Wichtig ist: Was für die eine Person „verkraftbar“ ist, kann für eine andere verletzend sein – Trauma ist individuell.
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In Awareness-Arbeit achten wir deshalb besonders auf sogenannte kumulative Traumata, also Belastungen, die sich über längere Zeit ansammeln. Dazu gehören etwa wiederholte Mikroaggressionen, rassistische Zuschreibungen oder Erfahrungen mit Machtmissbrauch. Sie hinterlassen Spuren – auch wenn sie von außen nicht sofort sichtbar sind.
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Awareness bedeutet hier nicht: Menschen zu analysieren oder zu therapieren. Sondern: Verantwortung dafür zu übernehmen, Räume so zu gestalten, dass sie weniger verletzend wirken. Und offen zu bleiben für das, was andere als verletzend benennen – auch wenn man es selbst anders erlebt hätte.
