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Glossar

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Identität (individuelle)

Identität sind die einzigartigen Merkmale, Eigenschaften und Erfahrungen einer Person, die sie von anderen unterscheiden. Sie umfasst Aspekte wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Ethnie, Religion, Nationalität, sozialer Hintergrund und persönliche Überzeugungen. Individuelle Identität ist dynamisch und kann sich im Laufe des Lebens entwickeln. Sie spielt eine wichtige

 

 

 

 

Rolle bei der Selbstdefinition, dem Selbstbewusstsein und der Suche nach Zugehörigkeit. Es ist von großer Bedeutung, die individuelle Identität zu respektieren und zu fördern, um eine inklusive und vielfältige Gesellschaft zu schaffen.

Ideologie

Ideologie bezeichnet ein System von Werten, Überzeugungen und Vorstellungen, das eine bestimmte Sichtweise auf die Gesellschaft, Politik, Wirtschaft oder Kultur vermittelt. Sie dient nicht nur als Leitfaden für individuelles und kollektives Handeln, sondern auch dazu, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse zu rechtfertigen und zu stabilisieren.​​ 

 

Ideologien wirken oft unbewusst: Sie prägen, was als „normal“, „natürlich“ oder „gerecht“ wahrgenommen wird, und beeinflussen, wie Menschen sich selbst und andere sehen. Beispiele hierfür sind der Neoliberalismus, der Ungleichheit als „Ergebnis individueller Leistung“ darstellt, oder patriarchale Ideologien, die Geschlechterrollen als „naturgegeben“ erscheinen lassen.​ 

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Ideologien können sowohl emanzipatorisch als auch unterdrückend wirken. Während manche den Anspruch haben, soziale Gerechtigkeit zu fördern, dienen andere der Legitimation von Ausbeutung, Diskriminierung und Machtungleichgewichten.

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Imperialismus

Imperialismus bezeichnet die politische, wirtschaftliche und kulturelle Ausdehnung einer Nation über andere Länder oder Regionen, um Macht, Ressourcen und Einfluss zu sichern. Er äußert sich durch direkte Eroberung, Kolonialisierung oder indirekte Abhängigkeiten wie wirtschaftliche Ausbeutung und kulturelle Dominanz.

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Historisch ist der Begriff eng mit der Kolonialpolitik europäischer Mächte im 19. und frühen 20. Jahrhundert verbunden, als Länder wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland große Teile Afrikas, Asiens und Amerikas unterwarfen. Dies führte zur Ausbeutung von Menschen und Ressourcen sowie zur Zerstörung lokaler Strukturen.

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Heute wird Imperialismus auch übertragen verwendet, etwa wenn wirtschaftliche und kulturelle Abhängigkeiten zwischen dem Globalen Norden und Süden beschrieben werden. Beispiele sind die Ausbeutung von Arbeitskräften durch globale Konzerne oder die Dominanz westlicher Medienkulturen, die lokale Traditionen verdrängen. Imperialismus wird daher nicht nur als historische Epoche verstanden, sondern auch als fortwirkendes System globaler Ungleichheit.

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Inklusion

Inklusion beschreibt einen gesellschaftlichen Zustand und ein Leitprinzip, bei dem alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Behinderung, Religion, sozialem Status oder anderen Merkmalen – gleichberechtigt und selbstverständlich an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens teilhaben können. Im Unterschied zu Integration bedeutet Inklusion nicht, dass „die anderen“ in eine bestehende Gesellschaft eingegliedert werden müssen, sondern dass die Gesellschaft selbst so gestaltet wird, dass sie von Anfang an Vielfalt mitdenkt und Barrieren abbaut.

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Der Begriff stammt ursprünglich aus der Behindertenrechtsbewegung und wurde durch die UN-Behindertenrechtskonvention (2006) international geprägt. Inklusion entwickelte sich als Gegenentwurf zur Integration, die Menschen mit Behinderungen zwar in bestehende Strukturen einbezog, jedoch häufig Sonderwege schuf – etwa Förderschulen oder Werkstätten – und damit die Trennung aufrechterhielt. Inklusion hingegen fordert, dass alle Menschen dieselben Räume, Rechte und Möglichkeiten nutzen können, ohne ausgesondert zu werden.

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Heute wird der Begriff in verschiedenen Kontexten verwendet: Im Bildungswesen bedeutet Inklusion, dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen und Unterstützung dort erhalten, wo sie sie brauchen – anstatt in getrennten Systemen zu verbleiben. In der Arbeitswelt und im Diversity-Management steht Inklusion für die Schaffung von Strukturen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, Fähigkeiten und Lebensrealitäten gleichberechtigt mitwirken können. Und im gesellschaftlichen Kontext beschreibt Inklusion die Vision einer Gesellschaft, die Diskriminierungen abbaut, die Teilhabe aller Menschen ermöglicht und Vielfalt als Normalität begreift.

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Kritisch wird angemerkt, dass Inklusion in der Praxis oft als Schlagwort verwendet wird, ohne dass tiefgreifende Veränderungen in Strukturen und Machtverhältnissen erfolgen. So werden beispielsweise „inklusive Maßnahmen“ eingeführt, während bestehende Barrieren bestehen bleiben oder neue geschaffen werden. Richtig verstanden bedeutet Inklusion jedoch mehr als das „Zulassen von Vielfalt“: Es ist eine Haltung und ein Auftrag an Institutionen und Gesellschaften, die eigenen Regeln und Praktiken zu hinterfragen und so zu gestalten, dass niemand ausgeschlossen wird.

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Institutionelle Diskriminierung

Institutionelle Diskriminierung beschreibt die systematische Benachteiligung von Menschen oder Gruppen durch Regeln, Strukturen, Routinen und Praktiken innerhalb von Organisationen oder gesellschaftlichen Institutionen. Diese Benachteiligung entsteht nicht unbedingt durch die Absicht einzelner Mitarbeitender, sondern ist tief in den Abläufen verankert und wird oft durch scheinbar „neutrale“ Verfahren weitergetragen.

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Ein Beispiel ist das Bildungssystem, in dem Kinder aus Familien mit geringem Einkommen häufig schlechtere Startbedingungen haben, weil Schulmaterialien selbst finanziert werden müssen oder außerschulische Lernförderung fehlt. Auch in der Arbeitswelt können unflexible Arbeitszeiten dazu führen, dass vor allem alleinerziehende Mütter von bestimmten Positionen ausgeschlossen werden, da die Strukturen nicht auf ihre Lebensrealität ausgerichtet sind. Menschen mit Behinderungen erfahren institutionelle Diskriminierung, wenn öffentliche Gebäude oder Verkehrsmittel nicht barrierefrei gestaltet sind und sie dadurch von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden.

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Im Unterschied zu individueller Diskriminierung, die durch persönliche Vorurteile oder bewusstes Handeln entsteht, ist institutionelle Diskriminierung ein Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Sie wird oft nicht erkannt, weil sie sich in Routinen und Standards versteckt, die für manche selbstverständlich wirken, für andere aber Hürden aufbauen.

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Die Bekämpfung institutioneller Diskriminierung erfordert deshalb tiefgreifende Veränderungen: Strukturen, Entscheidungsprozesse und Routinen müssen überprüft und angepasst werden, um faire Zugänge und tatsächliche Chancengleichheit zu schaffen. Es reicht nicht, Einzelpersonen zu sensibilisieren – ganze Systeme müssen sich verändern, damit alle Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Behinderung oder sozialem Status teilhaben können.

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Institutioneller Rassismus

Institutioneller Rassismus beschreibt rassistische Praktiken, Richtlinien und Strukturen innerhalb sozialer, politischer und wirtschaftlicher Institutionen. Er wirkt durch Gesetze, Verwaltungsabläufe oder Standardverfahren, die auf den ersten Blick „neutral“ erscheinen, in der Praxis jedoch bestimmte Gruppen systematisch benachteiligen. Oft entsteht diese Form des Rassismus nicht durch das bewusste Handeln Einzelner, sondern durch die Art und Weise, wie Institutionen organisiert sind und wie historische Machtverhältnisse fortgeschrieben werden.

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Ein Beispiel ist das Bildungssystem, in dem Kinder mit Migrationsgeschichte häufiger in niedrigere Schulformen eingestuft werden – nicht aufgrund ihrer Fähigkeiten, sondern wegen Vorannahmen über ihre Sprachkenntnisse oder „kulturelle Passung“. Auch bei der Polizei zeigt sich institutioneller Rassismus, etwa in Form von Racial Profiling, bei dem Menschen, die als nicht-weiß  oder vermeintlich „fremd“  gelesen werden, häufiger kontrolliert oder verdächtigt werden. Im Gesundheitswesen führen stereotype Annahmen über Schmerzempfinden dazu, dass Schwarze Patient:innen in einigen Ländern seltener Schmerzmittel verschrieben bekommen.

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Institutioneller Rassismus unterscheidet sich von individueller Diskriminierung dadurch, dass er nicht auf persönlichen Vorurteilen basiert, sondern in Strukturen eingebettet ist, die Ungleichheit reproduzieren. Er ist eng mit strukturellem Rassismus verbunden: Beide Formen verstärken sich gegenseitig, indem gesellschaftliche Hierarchien in Gesetzen, Verwaltungsverfahren und alltäglichen Abläufen zementiert werden.

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Die Bekämpfung institutionellen Rassismus erfordert daher nicht nur die Sensibilisierung von Mitarbeitenden, sondern tiefgreifende Veränderungen der Strukturen selbst. Dazu gehören beispielsweise die Überprüfung von Polizeipraxen, faire Zugangskriterien zu Bildung und Arbeit, sowie der Abbau von Barrieren, die rassifizierten Gruppen den gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen und Teilhabe verwehren.

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Integration

Integration bezeichnet den Prozess, in dem Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, ethnischen oder sozialen Hintergründen in eine bestehende Gesellschaft eingebunden werden sollen. In der klassischen Definition umfasst Integration den Erwerb der Landessprache, die Teilnahme am Bildungssystem, den Zugang zum Arbeitsmarkt sowie die Übernahme der Werte und Normen der aufnehmenden Gesellschaft. Ziel ist es, das Zusammenleben zu fördern und soziale Kohäsion herzustellen.

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Kritisch wird angemerkt, dass der Integrationsbegriff in vielen gesellschaftlichen und politischen Diskursen unausgesprochen voraussetzt, dass Zugewanderte oder Minderheiten sich in eine vermeintlich homogene „Mehrheitsgesellschaft“ einfügen müssen, während diese selbst nicht hinterfragt oder verändert wird. Integration wird dadurch oft als einseitiger Anpassungsprozess verstanden: Die „anderen“ sollen sich anpassen, um „dazuzugehören“, während strukturelle Barrieren wie Diskriminierung im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt oder im Wohnungswesen häufig unsichtbar bleiben.

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Diese Perspektive spiegelt sich auch in alltäglichen Situationen wider: Kinder von Migrant*innen werden selbst dann noch als „nicht integriert“ beschrieben, wenn sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Integrationskurse betonen vielfach die Pflichten der Zugewanderten – wie das Erlernen der Sprache oder die Anerkennung bestimmter Werte – ohne gleichzeitig die Verantwortung der Gesellschaft zu thematisieren, strukturelle Ungleichheiten abzubauen.

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Der Integrationsbegriff ist zudem historisch belastet. In Deutschland entstand er in den 1960er und 1970er Jahren im Zusammenhang mit der Gastarbeiterpolitik, als lange davon ausgegangen wurde, dass „Fremdarbeiter“ nur vorübergehend bleiben würden und keine umfassende gesellschaftliche Teilhabe notwendig sei.

 

Später, im Zuge der Multikulturalismus-Debatten, wurde Integration häufig als Gegenmodell zu Assimilation positioniert, blieb aber oft vage und reproduzierte weiterhin Hierarchien zwischen „Einheimischen“ und „Zugewanderten“.

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Alternative Begriffe wie Inklusion und Teilhabe werden heute zunehmend verwendet, um diese Einseitigkeit zu überwinden. Während Integration suggeriert, dass Menschen erst „hineinfinden“ müssen, betont Teilhabe die gleichberechtigte Mitgestaltung aller Menschen, unabhängig von Herkunft oder Status. Inklusion geht noch einen Schritt weiter, indem sie auch strukturelle Veränderungen der Gesellschaft fordert, sodass Vielfalt nicht nur geduldet, sondern als selbstverständlicher Teil verstanden wird.

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Richtig verstanden sollte Integration kein Projekt der Anpassung an eine vermeintliche Norm sein, sondern ein dynamischer, wechselseitiger Prozess, der auch die Mehrheitsgesellschaft in die Verantwortung nimmt, für Gerechtigkeit und gleiche Chancen zu sorgen.

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Internalisierung

Internalisierung bezeichnet den Prozess, bei dem Menschen äußere Überzeugungen, Werte, Normen und Verhaltensweisen so stark übernehmen, dass sie zu einem Teil ihres eigenen Denkens und Handelns werden. Im Kontext von Rassismus beschreibt der Begriff ein besonders schmerzhaftes Phänomen: Menschen, die selbst von rassistischer Diskriminierung betroffen sind, verinnerlichen die abwertenden Botschaften und Strukturen einer rassistischen Gesellschaft. Sie beginnen, den ihnen zugeschriebenen Stereotypen und Vorurteilen zu glauben und diese gegen sich selbst oder andere Angehörige ihrer Gruppe zu richten.

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Internalisierter Rassismus kann sich auf unterschiedliche Weise ausdrücken. Manche Betroffene entwickeln ein Gefühl von Minderwertigkeit, distanzieren sich von ihrer Herkunft oder Kultur und streben danach, „angepasster“ oder „weißer“ zu erscheinen. Andere übernehmen negative Stereotype über ihre eigene Community und reproduzieren diese in ihrem Denken und Handeln. Ein Beispiel hierfür ist, wenn eine Person glaubt, dass ihre Hautfarbe, Sprache oder Religion ein Makel sei, weil sie ihr Leben lang subtilen und offenen Botschaften ausgesetzt war, die genau das vermittelt haben.

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Dieses Phänomen ist kein individuelles „Versagen“, sondern das Ergebnis von Jahrhunderten systematischer Unterdrückung, die Menschen immer wieder signalisiert, dass sie weniger wert seien. Koloniale Ideologien, rassistische Bildungsinhalte und alltägliche Ausgrenzungen tragen bis heute dazu bei, dass solche Botschaften tief in das Selbstbild eindringen können. Sie wirken nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern können ganze Gemeinschaften spalten und Solidarität erschweren.

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Gleichzeitig gibt es Wege, diesem Mechanismus entgegenzuwirken: Empowerment, die Stärkung positiver Identitäten und die Schaffung sicherer Räume ermöglichen es, die verinnerlichten Abwertungen zu erkennen und abzulegen. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen und das Bewusstsein für die historischen Ursachen von Rassismus sind zentrale Schritte, um internalisierte Muster zu durchbrechen.

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Inter-/Nationalität und Kultur

Inter-/Nationalität beschreibt die rechtliche Zugehörigkeit einer Person zu einem Staat oder mehreren Staaten. Sie definiert die staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten und kann durch Geburt, Abstammung oder Einbürgerung erworben werden.​

 

Kultur hingegen umfasst die gemeinsamen Werte, Traditionen, Ausdrucksformen und sozialen Praktiken einer Gruppe. Während Nationalität oft mit bestimmten kulturellen Vorstellungen verknüpft wird, ist es wichtig zu betonen, dass Staaten meist vielfältige Kulturen beherbergen und Kultur selbst kein starres, homogenes Konzept ist.

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Menschen können Teil mehrerer kultureller Bezüge sein, die unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit ihre Identität prägen.

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Interaktionaler Rassismus

Interaktionaler Rassismus bezeichnet rassistische Handlungen, Äußerungen und Verhaltensweisen, die im direkten Kontakt zwischen Menschen auftreten. Er kann sich in offenen Feindseligkeiten äußern, wie beleidigenden Kommentaren, abwertenden Gesten oder aggressivem Verhalten, aber auch in subtileren Formen wie Mikroaggressionen, die oft unbewusst gesendet werden und dennoch verletzend wirken.

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Ein Beispiel für interaktionalen Rassismus ist, wenn eine Verkäuferin eine Kundin mit Kopftuch konsequent ignoriert und stattdessen später gekommene Kund*innen bedient. Ebenso gehört dazu, wenn ein Fahrkartenkontrolleur im Bus nur Menschen mit vermeintlich „ausländischem Aussehen“ auffordert, ihre Ausweise zu zeigen. Auch Kommentare wie „Du sprichst aber gut Deutsch für jemanden wie dich“ oder Fragen wie „Wo kommst du wirklich her?“ sind Teil dieser Kategorie, da sie die betroffene Person auf ihre Andersartigkeit reduzieren.

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Im Unterschied zu strukturellem Rassismus, der in Institutionen und gesellschaftlichen Regeln verankert ist, spielt sich interaktionaler Rassismus auf der persönlichen Ebene ab. Dennoch sind beide Formen eng miteinander verbunden: Individuelles Verhalten spiegelt oft gesellschaftliche Vorurteile wider und trägt dazu bei, bestehende Macht- und Ungleichheitsverhältnisse aufrechtzuerhalten.

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Interkulturelle Öffnung

Interkulturelle Öffnung beschreibt den Prozess, Organisationen, Institutionen und Gesellschaften so weiterzuentwickeln, dass sie kulturelle Vielfalt anerkennen, wertschätzen und aktiv fördern. Ziel ist es, Barrieren für gleichberechtigte Teilhabe abzubauen, interkulturelle Kompetenzen aufzubauen und Strukturen zu schaffen, die Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen einschließen. Dabei geht es nicht nur um den Abbau individueller Vorurteile, sondern auch um die Veränderung institutioneller Praktiken.

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Gleichzeitig ist der Begriff nicht unumstritten. Er kann die Vorstellung nahelegen, Kulturen seien abgeschlossene Einheiten, die sich nun „füreinander öffnen“ müssten. Diese Sichtweise übersieht, dass Kulturen dynamisch, durchlässig und im ständigen Wandel sind. Kritisch betrachtet wird auch, dass interkulturelle Öffnung in der Praxis oft auf symbolische Gesten reduziert wird – etwa mehrsprachige Aushänge oder das Feiern „internationaler Tage“ – während Machtverhältnisse und Diskriminierungsstrukturen unangetastet bleiben.

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Es gibt jedoch auch gelungene Ansätze: Eine Stadtverwaltung kann Dolmetscherdienste einrichten und divers besetzte Beiräte etablieren, um marginalisierte Perspektiven einzubeziehen. Bildungseinrichtungen können ihre Lehrpläne erweitern, um koloniale Geschichte und Migrationserfahrungen sichtbar zu machen, oder Antirassismus-Workshops für Mitarbeitende anbieten. Kliniken können Abläufe so gestalten, dass Patient*innen mit unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Hintergründen diskriminierungsfrei behandelt werden.

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Richtig verstanden geht interkulturelle Öffnung über reine Anpassung hinaus: Sie erfordert die Reflexion eigener Privilegien und die aktive Auseinandersetzung mit struktureller Benachteiligung, um Vielfalt als selbstverständlichen Teil einer gerechten Gesellschaft zu etablieren.

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Interkulturelles Lernen

Interkulturelles Lernen bezeichnet einen Bildungsprozess, der darauf abzielt, Kenntnisse, Fähigkeiten und Haltungen zu entwickeln, um kulturelle Vielfalt zu verstehen, wertzuschätzen und mit ihr konstruktiv umzugehen. Es geht darum, Stereotype und Vorurteile abzubauen, interkulturelle Kommunikationsfähigkeiten zu stärken und die eigene kulturelle Prägung kritisch zu reflektieren. Menschen sollen dadurch in die Lage versetzt werden, in vielfältigen gesellschaftlichen Kontexten empathisch, respektvoll und handlungssicher zu agieren.

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Gleichzeitig ist der Begriff in machtkritischen Debatten nicht unumstritten. Kritiker:innen weisen darauf hin, dass interkulturelles Lernen häufig eine kulturalisierende Perspektive einnimmt: Unterschiede zwischen Menschen werden dabei primär als „kulturell“ verstanden, während gesellschaftliche Machtverhältnisse, Rassismus und strukturelle Diskriminierung ausgeblendet bleiben. Konflikte werden so oft als Missverständnisse dargestellt, statt sie in ihrem politischen und sozialen Kontext zu betrachten. Machtsensible Ansätze fordern deshalb, dass interkulturelles Lernen nicht bei der Begegnung verschiedener Kulturen stehenbleiben darf, sondern die Reflexion eigener Privilegien und die Auseinandersetzung mit Diskriminierungsstrukturen einschließen sollte.

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Best-Practice-Beispiele zeigen, wie interkulturelles Lernen machtkritisch gestaltet werden kann: So entstehen in partizipativen Theaterprojekten Räume, in denen Jugendliche aus unterschiedlichen Lebensrealitäten eigene Geschichten entwickeln und auf die Bühne bringen. Austauschprogramme, die neben der Begegnung auch die koloniale Vergangenheit und globale Ungleichheiten thematisieren, tragen zu einem tieferen Verständnis bei. Fortbildungen für Lehrkräfte wiederum verbinden interkulturelle Kommunikationsstrategien mit konkreten Handlungsmöglichkeiten gegen Diskriminierung im Schulalltag.

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Richtig verstanden und umgesetzt kann interkulturelles Lernen so ein wichtiger Baustein für diskriminierungskritische Bildung und eine gerechtere Gesellschaft sein. Es geht dann nicht nur um das „Kennenlernen anderer Kulturen“, sondern um das gemeinsame Hinterfragen von Machtverhältnissen und das Gestalten von Strukturen, die Vielfalt ermöglichen und schützen.

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Intersektionaliät

Intersektionalität beschreibt das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen, die Menschen gleichzeitig betreffen können. Der Ansatz macht deutlich, dass soziale Kategorien wie Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Behinderung, sexuelle Orientierung oder sozialer Status nicht isoliert betrachtet werden können, sondern sich überschneiden und spezifische Formen von Benachteiligung erzeugen.

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Ein Mensch kann beispielsweise gleichzeitig trans, Schwarz und muslimisch sein und dadurch Transfeindlichkeit, Rassismus und Islamfeindlichkeit erfahren. Solche Mehrfachdiskriminierungen sind nicht einfach additiv, sondern wirken ineinander und verstärken sich gegenseitig.

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Der Begriff wurde von der US-amerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw geprägt, um sichtbar zu machen, wie sich unterschiedliche Machtverhältnisse überschneiden und wie traditionelle Diskriminierungsanalysen oft Menschen ausblenden, die an mehreren gesellschaftlichen Rändern stehen.

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Inter*/Intersexualität/
Intergeschlechtlichkeit

Inter* ist eine Selbstbezeichnung und Sammelbegriff für Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale – wie Chromosomen, Hormone oder Genitalien – nicht den gesellschaftlichen Normvorstellungen von „eindeutig männlich“ oder „eindeutig weiblich“ entsprechen. Der Begriff umfasst eine Vielfalt an natürlichen Variationen, die auch als Intergeschlechtlichkeit bezeichnet werden.

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Die Inter*-Community setzt sich für die Rechte, Anerkennung und Sichtbarkeit intergeschlechtlicher Menschen ein und fordert ein Ende medizinischer Eingriffe an intergeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen ohne deren ausdrückliche Einwilligung. Inter* betont die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten und ruft dazu auf, gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht über binäre Kategorien hinauszudenken.

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Islamfeindlichkeit

Islamfeindlichkeit bezeichnet abwertende Einstellungen, Vorurteile, Diskriminierung und feindselige Handlungen gegenüber dem Islam, seinen Symbolen sowie Muslim:innen oder Menschen, die als muslimisch wahrgenommen werden. Sie äußert sich auf individueller Ebene in Form von verbalen Angriffen, Stigmatisierung oder Hassverbrechen und auf struktureller Ebene durch institutionelle Benachteiligungen, wie etwa eingeschränkte Zugänge zum Arbeits- und Wohnungsmarkt oder die Einschränkung religiöser Praxis.

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Islamfeindlichkeit basiert häufig auf Stereotypen, verzerrten Darstellungen des Islams und der Konstruktion einer kulturellen oder religiösen „Andersartigkeit“, die als Bedrohung wahrgenommen wird. Diese Narrative werden durch politische Diskurse und Medienberichterstattung verstärkt und tragen dazu bei, dass Muslim:innen im Alltag Misstrauen und Ausgrenzung erfahren.

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In rassismuskritischen Debatten wird häufig der Begriff antimuslimischer Rassismus verwendet, da er deutlicher auf die strukturelle und rassistische Dimension dieser Diskriminierungsform hinweist. Er betont, dass nicht der Islam als Religion, sondern Menschen aufgrund zugeschriebener Merkmale abgewertet und ausgeschlossen werden.

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Islamkritik

Islamkritik bezeichnet die Auseinandersetzung mit dem Islam als Religion, seinen Lehren, Praktiken und gesellschaftlichen Auswirkungen. Sie umfasst unterschiedliche Ansätze, darunter theologische, historische, feministische oder politische Perspektiven. Im Unterschied zu Islamfeindlichkeit ist Islamkritik nicht von Vorurteilen, Hass oder Diskriminierung geprägt, sondern zielt auf eine sachliche und respektvolle Diskussion.

 

Konstruktive Islamkritik kann beispielsweise von feministischen Stimmen kommen, die patriarchale Strukturen innerhalb religiöser Institutionen und Praktiken hinterfragen. Ebenso gehören religionswissenschaftliche Analysen dazu, die den historischen Wandel islamischer Rechtsschulen untersuchen oder die Vielfalt islamischer Strömungen sichtbar machen. Diese Formen der Kritik setzen voraus, dass sie nicht pauschal abwertend sind, sondern die Religion in ihrer historischen und kulturellen Komplexität betrachten.

 

Der Begriff Islamkritik ist jedoch in gesellschaftlichen Debatten umstritten. Immer wieder wird er von Akteurinnen instrumentalisiert, um antimuslimische Ressentiments zu verschleiern und pauschale Abwertungen von Musliminnen als „legitime Kritik“ darzustellen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen sachlicher Auseinandersetzung und diskriminierenden Narrativen. Deshalb ist es entscheidend, zwischen Kritik an religiösen Lehren und der Abwertung von Menschen, die diese Religion praktizieren oder ihr zugeschrieben werden, klar zu unterscheiden.

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Islamophobie

bezeichnet die Abwertung, Diskriminierung und feindselige Haltung gegenüber dem Islam, seinen Symbolen und Menschen muslimischen Glaubens oder zugeschriebener muslimischer Zugehörigkeit. Diese feindlichen Einstellungen äußern sich in Vorurteilen, Misstrauen, Stigmatisierung, sozialer Ausgrenzung und Gewalt bis hin zu Hassverbrechen.

 

Obwohl der Begriff wörtlich „Angst vor dem Islam“ bedeutet, beschreibt er keine tatsächliche Angst, sondern tief verwurzelte Vorurteile und Machtverhältnisse, die auf Rassismus und antimuslimischen Ideologien beruhen. Islamophobie wirkt sowohl auf individueller Ebene (z. B. verbale Angriffe auf der Straße) als auch strukturell (etwa durch Benachteiligungen auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt) und wird durch Medien, politische Diskurse und gesellschaftliche Narrative verstärkt.

 

In aktuellen Debatten wird häufig der Begriff antimuslimischer Rassismus bevorzugt, da er stärker auf die rassistischen Strukturen und Mechanismen verweist, die Muslime und als muslimisch gelesene Menschen betreffen. Diese Perspektive betont, dass nicht der Islam als Religion angegriffen wird, sondern Menschen aufgrund zugeschriebener kultureller und religiöser Merkmale abgewertet und ausgegrenzt werden.

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