Dagegen und mittendrin
Über den Unterschied zwischen Anti-Rassismus und Rassismuskritik
Unsere Website heißt AntiRassismusTrainer.de. Wenn wir beschreiben, wie wir mit Organisationen arbeiten, sprechen wir trotzdem von Rassismuskritik. Ist das nicht dasselbe? Nicht ganz. Beide Begriffe stehen auf derselben Seite, aber sie stellen unterschiedliche Fragen. Und genau dieser Unterschied prägt unsere Arbeit.
Anti-Rassismus fragt: Wo stehen wir?
Die Vorsilbe sagt es schon: Anti heißt dagegen. Anti-Rassismus ist eine klare Position. Rassismus ist Unrecht, und dazu verhalten wir uns nicht neutral. Diese Klarheit ist nicht im Seminarraum entstanden, sondern in Bewegungen: in der Bürgerrechtsbewegung, in antikolonialen Befreiungsbewegungen, in Selbstorganisationen von Menschen mit Rassismuserfahrungen. In Deutschland haben sie nach den Brandanschlägen von Mölln und Solingen, nach den Morden des NSU und nach Hanau Aufklärung und Erinnerung eingefordert, oft lange bevor Behörden und Politik zuhörten.
Ibram X. Kendi hat darauf hingewiesen, dass „nicht rassistisch“ keine neutrale Position ist. Das Gegenteil von rassistisch sei antirassistisch. Anti-Rassismus verlangt also, Stellung zu beziehen. Das ist seine Stärke.
Die Vorsilbe hat aber eine Nebenwirkung. Wer dagegen ist, steht scheinbar draußen, auf der richtigen Seite. Rassismus wird dann schnell zum Problem der anderen, zum Beispiel der extremen Rechten. Wer sich selbst nicht dazuzählt, fühlt sich nicht gemeint. In Organisationen landet das Gespräch deshalb oft bei der Frage: „Bin ich jetzt etwa Rassist:in?“ Darauf reagieren die meisten mit Abwehr, und das ist menschlich. Nur: Wer sich verteidigen muss, kann nicht gleichzeitig genau hinschauen.
Rassismuskritik fragt: Wie wirkt Rassismus hier, auch bei uns?
Kritik heißt nicht Meckern. Das Wort geht auf das griechische kritikḗ zurück, die Kunst der Beurteilung. Rassismuskritik geht davon aus, dass niemand außerhalb steht. Wir alle stehen mittendrin, in einer Gesellschaft, deren Bilder, Begriffe und Selbstverständlichkeiten eine lange rassistische Geschichte haben. Alle sind darin verstrickt, aber nicht alle gleich: Manche erleben Rassismus, andere profitieren von ihm, oft ohne es zu bemerken.
Die Frage lautet deshalb nicht: Wer ist rassistisch? Sondern: Wo wirken rassistische Unterscheidungen in Abläufen, in Kriterien und im eigenen Blick? Paul Mecheril und Claus Melter beschreiben das Ziel von Rassismuskritik so: rassistische Unterscheidungen untersuchen, sie schwächen und Alternativen sichtbar machen. Es geht also nicht um die rassismusfreie Person, die es nicht gibt, sondern um weniger rassistische Verhältnisse.
Das macht Rassismuskritik in Organisationen anschlussfähig. Sie verurteilt keine Menschen, sie prüft Maßstäbe. Wer gilt im Bewerbungsverfahren als „passend“? Wessen Deutsch gilt als professionell? Wem wird bei einer Beschwerde geglaubt? Solche Fragen lassen sich bearbeiten, ohne jemanden an den Pranger zu stellen. Es geht um Verantwortung, nicht um Schuld. Fehler gehören dazu, auch die eigenen.
Auch Rassismuskritik hat eine Schwachstelle. Sie kann sich im Nachdenken einrichten. Dann wird reflektiert, sensibilisiert und über Privilegien gesprochen, während die Strukturen bleiben, wie sie sind. Und die Menschen, die Rassismus erleben, geraten aus dem Blick. Kritik ohne Konsequenzen wird lauwarm.
Warum wir beides brauchen
Anti-Rassismus gibt uns die Richtung. Er macht klar, dass Rassismus keine Meinungsfrage ist. Rassismuskritik gibt uns das Handwerkszeug für unsere Arbeit in Organisationen. Sie zeigt, wie Rassismus konkret wirkt, auch dort, wo ihn niemand vermutet, und auch bei uns selbst.
Anti-Rassismus ohne Selbstkritik wird selbstgerecht. Rassismuskritik ohne antirassistische Haltung bleibt folgenlos. Erst die klare Position und der prüfende Blick zusammen ergeben eine Praxis, die trägt.
Deshalb ist der Name unserer Website kein Widerspruch zu unserer Arbeit. Anti-Rassismus beschreibt, wo wir stehen. Rassismuskritik beschreibt, wie wir arbeiten.
Literatur
Kendi, Ibram X. (2019): How to Be an Antiracist. New York: One World.
Mecheril, Paul/Melter, Claus (2010): Gewöhnliche Unterscheidungen. Wege aus dem Rassismus. In: Mecheril, Paul u. a.: Migrationspädagogik. Hinführung zu einer Perspektive. Weinheim/Basel: Beltz, S. 150-178.




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