Was ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und warum begegnet sie uns überall?
- Ercan Carikci
- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
Viele Organisationen, Verwaltungen, Schulen, Bildungseinrichtungen und Unternehmen beschäftigen sich derzeit mit der Frage, wie sie professionell auf Diskriminierung, gesellschaftliche Polarisierung und Unsicherheiten im Arbeitsalltag reagieren können. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit spielt dabei häufig eine zentrale Rolle – auch dann, wenn sie auf den ersten Blick nicht sichtbar erscheint.
Wenn jemand einen rassistischen Witz erzählt und alle lachen, weil es angeblich „nur Spaß“ sei. Wenn eine Bewerberin mit ausländisch klingendem Namen trotz guter Qualifikationen keine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhält. Wenn in Teamsitzungen bestimmte Stimmen immer wieder übergangen werden oder Menschen ständig erklären müssen, „wo sie eigentlich wirklich herkommen“. All das kann Ausdruck Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sein.
Was bedeutet Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit?
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, kurz GMF, beschreibt die Abwertung von Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Menschen werden dabei nicht mehr als Individuen wahrgenommen, sondern über stereotype Vorstellungen eingeordnet und bewertet.
Betroffen sein können unter anderem Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Hautfarbe, sozialen Lage, Behinderung, geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung.
Der Begriff wurde maßgeblich durch den Soziologen Wilhelm Heitmeyer geprägt. Seine Langzeitstudien an der Universität Bielefeld zeigten, dass unterschiedliche Formen der Abwertung häufig miteinander verbunden sind. Wer rassistische Einstellungen vertritt, neigt statistisch häufiger auch zur Abwertung anderer gesellschaftlicher Gruppen. Dahinter steht oft dieselbe Grundannahme: die Vorstellung, dass manche Menschen wertvoller, normaler oder legitimer seien als andere.
GMF ist deshalb kein isoliertes Einzelphänomen. Sie ist Ausdruck gesellschaftlicher Macht und Ungleichwertigkeitsvorstellungen.
GMF zeigt sich häufig im Alltag
Viele Menschen verbinden Menschenfeindlichkeit vor allem mit extremen Aussagen oder offen aggressivem Verhalten. Tatsächlich wirkt GMF oft deutlich subtiler und alltäglicher.
Sie zeigt sich in Sprache, in Blicken, in Erwartungen, in organisationalen Routinen und in Entscheidungen darüber, wem Kompetenz zugetraut wird und wem nicht.
Sie zeigt sich beispielsweise:
* wenn Bewerbungen vorsortiert werden
* wenn bestimmte Namen häufiger hinterfragt werden
* wenn Menschen als „nicht passend“ wahrgenommen werden
wenn Kolleg:innen aus marginalisierten Gruppen dauerhaft erklären, vermitteln oder sich rechtfertigen müssen
* wenn Beschwerden über Diskriminierung relativiert werden
Besonders relevant ist dabei: Diskriminierung braucht nicht immer eine bewusste böse Absicht. Auch vermeintlich neutrale Abläufe können ausschließend wirken, wenn bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten nicht reflektiert werden.
Gerade deshalb bleibt GMF in Organisationen häufig lange unsichtbar.
Warum entstehen solche Abwertungen?
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit erfüllt oft eine soziale Funktion. Die Abwertung anderer kann dazu dienen, eigene Unsicherheiten auszugleichen, Zugehörigkeit zur „eigenen Gruppe“ herzustellen oder gesellschaftliche Veränderungen als Bedrohung zu verarbeiten.
Politische und mediale Diskurse verstärken solche Dynamiken teilweise gezielt. Gerade rechtspopulistische Akteure arbeiten häufig mit vereinfachenden Feindbildern, Schuldzuweisungen und der Konstruktion gesellschaftlicher Gegensätze.
In gesellschaftlichen Krisenzeiten können solche Erzählungen besonders wirksam werden, weil sie komplexe Probleme scheinbar einfach erklären.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Organisationen und im Arbeitsalltag
Organisationen stehen nicht außerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse. Gesellschaftliche Machtstrukturen wirken auch innerhalb von Verwaltungen, Bildungseinrichtungen, Unternehmen, Kulturinstitutionen oder Vereinen.
Deshalb reicht es meist nicht aus, Vielfalt lediglich sichtbar zu machen oder einzelne Workshops anzubieten. Entscheidend ist die Frage, wie Organisationen mit Macht, Ausschlüssen, Beschwerden, Verantwortung und Beteiligung umgehen.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit kann sich unter anderem auswirken auf:
* Einstellungsverfahren
* Beförderungsentscheidungen
* Teamkultur
* Fehlerkultur
* Kommunikation
* Beschwerdestrukturen
* Sicherheitsgefühl von Mitarbeitenden
* Vertrauen in Führungskräfte und Institutionen
Menschen, die dauerhaft Abwertung erleben, tragen häufig erhebliche psychische und körperliche Belastungen. Die Folgen reichen von Stress und Erschöpfung bis hin zu Rückzug, Ohnmachtsgefühlen oder langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen.
Diskriminierung ist deshalb nicht nur ein individuelles Problem zwischen einzelnen Personen. Sie betrifft Organisationskultur, Arbeitsfähigkeit und demokratische Teilhabe insgesamt.
Warum kontinuierliche Arbeit notwendig ist
Diskriminierungssensible Organisationsentwicklung entsteht nicht durch Perfektion und auch nicht durch einmalige Sensibilisierung. Sie entsteht durch langfristige Prozesse, klare Verantwortlichkeiten, Reflexion, Fehlerfähigkeit und die Bereitschaft, bestehende Routinen kritisch zu hinterfragen.
Dabei geht es nicht darum, Menschen pauschal zu verurteilen. Es geht darum, Strukturen und Dynamiken besser zu verstehen und professioneller mit ihnen umzugehen.
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Über Ercan Carikci Coaching
Ercan Carikci Coaching begleitet seit vielen Jahren Organisationen, Verwaltungen, Bildungseinrichtungen, Kulturinstitutionen und Unternehmen im Bereich rassismuskritische Organisationsentwicklung, Diversitätskompetenz, Awareness Arbeit und diskriminierungssensible Organisationskultur.
Dazu gehören Workshops, Fortbildungen, Prozessbegleitung, Konfliktberatung sowie Qualifizierungsformate für Mitarbeitende, Führungskräfte und Multiplikator:innen.
Gefördert durch das Landesprogramm für Demokratie und Menschenrechte des Niedersächsischen Justizministeriums.




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